Suchen nach:

Uns alle hat die Corona-Pandemie mit einem Schlag erwischt. Von jetzt auf gleich wurde die Wirtschaft heruntergefahren, Schulen und Kitas wurden geschlossen und auch Treffen mit Freunden und Familie rückten plötzlich in die Ferne.

Die Auswirkungen sind auch nach dem Lock-Down in all unseren Lebensbereichen spürbar. Innerhalb weniger Wochen hat sich auch die wirtschaftliche Situation vieler Verbraucher stark verändert.

Die Ergebnisse unserer letzten Verbraucherumfrage haben gezeigt, dass 39% der Haushalte Einkommenseinbußen haben. 69% der Haushalte haben bis zu 30% weniger im Geldbeutel und bei weiteren 21% ist das Haushaltsnettoeinkommen sogar bis zur Hälfte gesunken.

Wie Überschuldung entsteht

Überschuldung liegt vor, wenn eine Person ihre bestehenden Verbindlichkeiten weder durch Vermögen noch durch zu erwartendes Einkommen begleichen kann.

Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit sind wesentliche Faktoren, die Einkommenseinbußen nach sich ziehen und zu Überschuldung oder einer schlechten Bonität führen können, aber nicht zwingend müssen.

Ein erhöhtes Risiko der Überschuldung besteht für Verbraucher, die schon zuvor überhöhte Ausgaben hatten und plötzlich mit weniger Geld auskommen müssen. Das kann dazu führen, dass Ratenkredite für z.B. Konsumgüter wie Smartphones, aber auch Abos und sonstige laufende Verpflichtungen, nicht mehr bedient werden können. Ein „schleichender Einstieg“ in die Überschuldungsspirale also.

Mehr Überschuldungsfälle durch Corona-Pandemie

Schon in der ersten Phase der Corona-Krise stieg die Zahl der Verbraucher, die durch Kurzarbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes, Einkommenseinbußen erfahren haben. Bei der Bundesagentur für Arbeit sind in den vergangenen Monaten über 10 Millionen Anträge auf Kurzarbeit eingegangen. Zum Vergleich: Nach der Finanzkrise im Jahr 2009 gingen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit „nur“ 3,3 Mio. Anträge ein. Und auch Selbstständige bzw. Freiberufler konnten ihrer Tätigkeit gar nicht oder nur eingeschränkt nachkommen.

Bedingt durch den Lock-Down haben Verbraucher in dieser Zeit weniger Geld ausgegeben. Ausflüge, Reisen und Restaurantbesuche waren schlichtweg nicht möglich und haben den Konsum reduziert. Zudem sind die Verbraucher bei größeren Anschaffungen vorsichtiger gewesen und haben diese geschoben. Einkommenseinbußen konnten somit über einen gewissen Zeitraum durch die Verbraucher selbst kompensiert werden.

Aber ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Bis Ende September ist die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen ausgesetzt. Die Creditreform Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen danach stark ansteigen wird. Die Welle der Unternehmensinsolvenzen und der damit verbundene Anstieg der Arbeitslosigkeit, liegt also noch vor uns.

Die Ergebnisse der letzten Boniversum Verbraucherstudie haben ergeben, dass viele Verbraucher in den letzten Jahren Rücklagen gebildet haben und in den nächsten 12 Monaten keine Zahlungsschwierigkeiten befürchten (72%). Beunruhigend ist aber, dass 27% der Befragten erwarten, mittelfristig Rechnungen für z.B. Miete, Strom oder andere laufende Kosten, nicht bezahlen zu können. Das ist ein dramatischer Wert und macht deutlich, dass wir in den nächsten Monaten und auch im folgenden Jahr einen Anstieg der Überschuldungsfälle in Deutschland erleben werden.

Auswirkungen auf die Bonität

Die Bonität beschreibt die Zuverlässigkeit einer Person, aufgenommene Schulden oder offene Rechnungen zukünftig begleichen zu können. Wir sehen jetzt, dass knapp ein Viertel der Befragten unserer Verbraucherstudie vermuten, Rechnungen zukünftig nicht bezahlen zu können. Sie werden also unbeständiger in der Begleichung von Rechnungen und das würde sich negativ auf ihre Bonität auswirken.

Anpassung des Bonitäts-Scores

Von Kunden wurden wir in den letzten Wochen gefragt, ob unsere Scores, die die Bonität von Verbrauchern bewerten, Corona-bedingt pauschal angepasst werden. Das ist nicht der Fall.

Würde eine pauschale Anpassung vorgenommen, würden alle Verbraucher „über einen Kamm geschert“, obwohl nicht alle Verbraucher gleichermaßen betroffen sind. Es wäre also ungerecht, weil alle Verbraucher in ihrer Bonität schlechter gestellt werden würden.

Allerdings sollte den Parametern des Risikomanagements aktuell besondere Aufmerksamkeit von den Unternehmen geschenkt werden. Für ein optimal wirtschaftliches Verhältnis zwischen Annahme und Ablehnung einer Geschäftsbeziehung oder auch zwischen dem Angebot sicherer und unsicherer Zahlarten, sind die Stellschrauben im Risikomanagement, entsprechend der Unternehmensanforderungen, fein justiert. Um auch in Zukunft diesen Anforderungen gerecht zu werden und Zahlungsausfälle zu vermeiden, müssen diese Stellschrauben unter Umständen angepasst werden. Cut-Off Werte, bestimmte Zahlungsmöglichkeiten etc. sollten überprüft und ggf. optimiert werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass wir Corona-bedingt einen Anstieg der Überschuldungsfälle zu erwarten haben. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich dies auch in der Zahlungsfähigkeit der Verbraucher widerspiegeln. Darauf müssen Unternehmen reagieren, einen stärkeren Fokus auf das Risikomanagement legen und Parameter unter Umständen anpassen, um auch zukünftig Zahlungsausfälle auf ein vertretbares Maß zu begrenzen.

Bildquelle: MarioGuti / istockphoto.com

Stephan Vila
Autor

Stephan Vila ist bereits seit 1996 für Creditreform tätig. Seit Januar 2019 verstärkt er die Geschäftsführung von Boniversum. Seine Themen sind Paymentlösungen und neue Trends im Risikomanagement.